Mit Feder und Verstand
  Feuerprüfung
 

Feuerprüfung


Der Wind fuhr durch die Baumkronen und brachte das Laub zum Rascheln. Vor dem letzten Ausläufer des Waldes häuften einige Elfen Zweige zu einer langen Gasse an. Die zwei Astwälle verbanden den Kampfplatz und das Podest, das auf einer Wiese für den König und sein Gefolge aufgebaut war. Mit Fackeln entzündeten sie die trockenen Hölzer, aus denen kurz darauf Flammen hervorzüngelten und höher in den Himmel wuchsen. Sie schienen mit der Abenddämmerung zu verschmelzen.
Die wenigen Kampfschüler genossen den Anblick, auch wenn sie wussten, dass sie die Schönheit der ihnen bevorstehenden Gefahr bewunderten. Arvá aber beachtete das Feuer nicht einmal, ihr Blick war auf das Podest gerichtet, wo der junge König, Rélec, saß und herrschaftlich auf die Vorbereitungen der Feuerprüfung hinab sah. Elfen eilten um den Podest, das Festessen vorbereitend, einige fachten das Feuer weiter an und Priester beteten zu den Göttern, damit diese die Kämpfschüler in ihrer Prüfung beschützen mochten.
Arvá spürte wieder dieses Gefühl in ihrem Bauch, das sich in ihrem ganzen Körper auszudehnen schien, wenn sie den König sah. Nur noch die Feuergasse trennte sie von ihm. Sie war am Ziel ihrer monatelangen Arbeit angelangt. Wenn sie diese Prüfung bewältigte, würde sie Kriegerin im Gefolge König Rélecs werden und dann konnte Arvá ihm endlich nahe sein.
Seit vielen Monden schon träumte sie von diesem Augenblick und von der Zeit an seiner Seite. Wenn sie ihr Schwert in seinem Namen schwang und mit ihm in die Schlacht zog.
Arvá hatte schon oft von diesem Gefühl gehört, doch früher, bevor sie in den Palast zu ihrem Meister gezogen war, hatte sie nie daran geglaubt, dass es Liebe wirklich gab. Um König Rélec nahe zu sein, hatte Arvá die Schwere der langen Kampfausbildung auf sich genommen, denn nur als Kriegerin, konnte sie im Gefolge des Königs leben und durch diese Prüfung in seine Leibgarde kommen. Die Elfen waren ein kämpferisches Volk. Nur diejenigen, die angesehene Krieger waren, durften die Nähe König Rélecs genießen und bildeten seine Leibgarde. Für andere wollte man am Hofe keinen Platz machen, denn das Volk der freien Elfen führte viele Kriege.
Arvá hatte nie davon geträumt, Kriegerin zu werden, dennoch war sie in die Lehre eines hohen Meisters gegangen, die ihr als Fürstentochter zustand.
Ein Elf las von einem Pergament die Namen, in welcher Reihenfolge die wenigen Kampfschüler durch die brennende Gasse gehen sollten.
Arvá war als Erste aufgerufen worden. Sie ging zum Anfang der lodernden Wände und sah an ihnen entlang zum Podest. König Rélec blickte sie an und Arvá meinte in seinen Augen gespannte Erwartung zu erkennen.
Sie atmete noch einmal tief durch, zog die Lederrüstung prüfend zu Recht und bekam dann ein schwarzes Tuch vor die Augen gebunden. 
„Viel Glück“, sagte der Elf, der sie durch das Tuch blind gemacht hatte und klopfte ihr auf die Schulter.
Ehe Arvá einen Schritt tat, sammelte sie ihre Gedanken und konzentrierte sich. Ihr Ziel war das Ende der Gasse, das Podest des Königs.
Unsicher machte sie einen Schritt nach vorne und das Knacken der brennenden Äste wurde lauter. Die Feuerwände standen dicht beieinander, Arvá war sich sicher, dass sie ihre Arme nicht ausstrecken konnte, ohne sich zu verbrennen. Die kleinste Abweichung von ihrem Weg konnte ihren Tod bedeuten.
Arvá versuchte ihre Sinne zu nutzen, um dem Feuer nicht zu nahe zu kommen. Sie lauschte auf das Brechen des verbrennenden Holzes und roch, wenn sie zu dicht neben ihm lief. Aber sie musste auch noch auf etwas anderes achten. Ihre Gegner.
In der Prüfung musste sie nicht nur zwischen Feuerwänden gehen, sondern auch noch blind gegen Duellanten kämpfen.
Arvá vernahm leise Schritte und blieb stehen. Sie zog ihr Schwert und horchte. Eine Klinge fuhr durch die Luft, sie musste von hinten kommen.
Blitzschnell drehte sich Arvá um und parierte den Hieb. Sie versuchte einzuschätzen, wie weit ihr Gegner von ihr entfernt war und griff zaghaft an. Ihre Waffe traf klirrend auf seine, sie hörte wie er über die trockene Erde lief, um sie herum ging. Wieder ein Schlag von ihm, Arvá konnte ihn nur mit Mühe abwehren. Sein Schwert glitt an ihrer Klinge ab und es begann leicht zu surren. Arvá versuchte diese Möglichkeit zu nutzen und lauschte. Ihr Gegner musste etwa fünf Fuß entfernt sein.
Sie hoffte, sich nicht zu irren, hob ihre Waffe und ließ sie auf die Stelle niedersausen, an der sie den Angreifer vermutete. Ihr Schwert schlug auf einen Schild, sie hatte den Gegner getroffen. 
Der Angreifer rannte weg. Arvá hatte ihn ohne zu sehen ausmachen können, den ersten Gegner hatte sie geschlagen.
Sie versuchte sich erneut zu orientieren, bevor sie etwas sicherer weiterging.
In Arvá keimte unsägliche Freude auf, die sie nur mit Mühe unterdrücken konnte. Nur noch wenige Meter trennten sie von ihrem großen Ziel.
Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild. Eine nächtliche Wiese, auf der zwei Gestalten standen. Von einer leichten Brise gewogenes Gras umgab sie, das ihnen bis zu den Knien reichte und aussah wie ein Meer aus grünen Wellen. Sie erkannte König Rélec, der die andere Person sanft an den Händen nahm. Die zierliche Gestalt, die von Gefühlen ergriffen steif wirkte, wurde vom Mondlicht beschienen. Sie trug ein edles Schwert an der Seite und wirkte etwas erschöpft, dennoch schien sie sich auf nichts anderes als den jungen König konzentrieren zu können. Arvá fasste die zweite Person mehr in ihren Blick, musterte sie eindringlich. Es war sie selbst!
Behutsam küssten die beiden sich.
Ein Schatten näherte sich unbemerkt. Die Schneide eines Messers blitze im Mondschein auf.
Ehe die beiden Liebenden etwas bemerkten, stach der dunkle Umriss dem König in den Rücken. Rélec stöhnte auf, seine Hände verkrampften sich in Arvás Armen, die ihn nur hilflos ansehen konnte. Er glitt langsam an ihr hinunter ins Gras. Arvá war starr vor Schreck und Entsetzen. Das einzige was sie tun konnte, war ihren Meister mit ihrem fassungslosen Blick fest zu halten, der immer noch mit dem blutigen Messer vor ihr stand.
Das Bild verblasste.
 „Nein“, hauchte Arvá. „Nein!“
Sie schrie und ohne auf das Feuer oder andere Duellanten zu achten, schlug Arvá um sich. Sie schrie und Tränen rannen ihr unter der Augenbinde die Wangen hinab.
Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Sie liebte Rélec und das wusste ihr Meister, wieso sollte er den König töten? Ihr Meister war ein ehrenvoller Mann.
Arvá kämpfte gegen die Zweifel an. Ihr schossen hunderte kleiner Szenen der letzten Wochen durch den Kopf. Worte, Gesichtsausdrücke, Gesten. Hatte ihr Meister Andeutungen gemacht?
Arvá schrie auf, als plötzlich Flammen an ihren Beinen leckten und ihre Hose verbrannten. Niemals würde sie zulassen, dass jemand Rélec tötete. Auch wenn das hieß, sich gegen ihren eigenen Meister stellen zu müssen.
Sie stolperte und fiel. Jemand nahm sie an den Schultern und zog sie wieder auf die Beine.
„Es ist vorbei“, flüsterte eine Stimme nah an ihrem Ohr, während Arvá ihren Tränen freien Lauf ließ. Ihr Herz verkrampfte sich. Die Bilder hatten sich in ihrem Kopf eingebrannt.
Jemand löste ihre Augenbinde und sie wurde kurz vom grellen Licht der Flammen geblendet.
„Du hast es geschafft“, sagte ihr Meister leise und so erfüllt von Stolz, dass es sich anhörte, als traue er sich nicht, lauter zu sprechen. „Du hast die Prüfung bestanden.“
„Ja“, war das Einzige, das Arvá sagen konnte. Sie sah ihrem Meister in die Augen und eine kalte Wut breitete sich in ihrem Inneren aus. War er ein Verräter? Ein Königsmörder?
Ihr Meister wusste doch genau, wie sehr sie König Rélec liebte.
Arvá versuchte ihren Zorn hinunter zu schlucken. Viele Schüler hatten Visionen im Feuer, doch kaum eine hatte jemals die wahre Zukunft gezeigt. Sie hoffte nur, dass ihre Vision auch eine dieser Täuschungen war.
Ihr Meister nahm sie an der Hand und führte Arvá zum Podest, auf das sie über eine schmale Treppe gelangte. Das Podest war überdacht und das Gefolge des Königs saß auf kostbaren Stühlen darauf. Von drei Seiten war es mit feinen Tüchern verhangen, die sich sanft im Wind wölbten.
Sie warf einen leicht ängstlichen Blick zu Rélec, der sie freundlich anlächelte. Arvá kniete sich vor einen Priester in einem gelben Talar.
„Arvá van Jural“, begann der Priester, „du wirst nun die größte Ehre eines jeden Elfen empfangen.“ Vorsichtig strich er ihr mit einer nassen Rabenfeder über die Stirn.
„Möge dich Rakaschna, der Kriegsgott, schützen und Sampja, die Göttin der Gerechtigkeit, dein Schwert immer gegen die Feinde und für die freien Elfen führen.“
Arvá erhob sich und wandte sich zu König Rélec, dem ein Schwert gereicht wurde. Er stellte sich vor sie, nur einen Schritt von ihr entfernt, und legte ihr die Klinge des Schwertes aufs Haupt. Arvás Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, als wolle es sie durchbrechen. 
„Schwöre bei den Gipfeln der Ahnenberge, deinen Vorfahren und dem freien Volk der Elfen, dass du deine Waffe niemals gegen einen Wehrlosen oder Verletzten heben wirst.“
Seine Stimme klang feierlich und hallte über den Platz vor dem Podest.
„Ich schwöre“, gab Arvá zur Antwort. Ihre Stimme bebte vor Aufregung und innerlich zitterte Arvá. So nah bei Rélec…
Der König berührte ihre Schultern mit dem Schwert.
„Gelobe, dass du immer für dein Land, dein Volk und den König kämpfen wirst, dein Leben riskierst für das anderer und die Ehren eines Kriegers einhältst.“
„Ich gelobe es.“
Arvá sah ihm tief in die hellbraunen Augen, nicht nur, um ihrem Schwur Nachdruck zu verleihen. Monatelang hatte sie davon geträumt und nun war sie bei ihm, in sein Gefolge erhoben worden. Ihre Gedanken flatterten wie Schmetterlinge in ihrem Kopf, getragen vom Wind der Freude. Ihr Ziel, König Rélec, stand vor ihr, stolz auf sie, Arvá.
Rélec bedeutete ihr aufzustehen und übergab Arvá die elegante Waffe. „Auf dass du dem Volk rühmlich dienst und Schlachten für die Freiheit schlägst.“
Er begann zu klatschen und alle um sie herum fielen in den Applaus mit ein. Das Gefolge des Königs rief Arvás Namen dreimal aus, danach konzentrierten sie sich auf den nächsten Kampfschüler, der durch die Feuergasse geschickt wurde.
Arvá blieb auf dem Podest stehen. Sie wirkte fehl am Platz, die Blicke an ihr vorbeigerichtet auf den Elf, dem nun die Augen verbunden wurden.
Sie sah König Rélec an. Arvá hatte das Gefühl, dass er sie aus den Augenwinkeln beobachtete.
„Kommt mit, Arvá, lasst mich Eure Wunden versorgen.“ Eine Heilerin nahm sie am Arm und verließ mit ihr das Podest. Arvás Zelt war nur wenige Schritte entfernt neben einem kleinen Bach aufgeschlagen, umgeben von den Zelten der anderen Kampfschüler. Die Frau brachte Arvá hinein und bedeutete ihr, sich auf die Pritsche zu legen, während sie einige Salben aus ihrer Umhängetasche holte. Behutsam krempelte sie die verkohlten Hosenbeine hoch und sah sich die Verbrennungen an.
Erst jetzt spürte Arvá die Schmerzen und verzog das Gesicht, als die Heilerin begann die Kräutertinkturen aufzutragen.
„Es tut mir leid“, sagte die Frau und strich vorsichtig um die Wunden. „Aber seid froh, dass es nur leichte Verbrennungen sind, andere werden mit Sicherheit kein solches Glück haben wie Ihr.“
Ein Elf ging gestützt von zwei Heilern am Zelteingang vorbei. Die Frau rieb ohne auf Arvá zusehen weiterhin die Salbe in deren verbrannte Haut ein und beobachtete die zwei anderen Heiler.
Schon bald verabschiedete sich die Heilerin, um die anderen verletzten Schüler zu versorgen. Arvá blieb liegen und versuchte die Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen, die bei jedem Gedanken aufwirbelten.
Ihr Meister betrat das Zelt, ging zu ihr und lächelte, strahlend vor Stolz. Seine Miene war warm und väterlich.
„Du bist nun Kriegerin, Arvá“, sagte er und seine Stimme klang würdevoll. Arvá nickte nur. „Die harte Arbeit hat sich bewährt. Meine Schülerin hat die größte Ehre eines jeden Elfen entgegen genommen.“
Arvá sah ihm direkt in die Augen.
„Warum?“ Sie flüsterte das Wort und war sich nicht sicher, ob ihr Meister es gehört hatte.
„Es ist die Zukunft“, antwortete ihr Meister und wurde ernst. Arvá hatte nicht das Gefühl, dass er noch von der Prüfung sprach.
„Ihr… Ihr wisst von meiner Vision?“, fragte Arvá ungläubig. Ihr Meister nickte. Langsam richtete sie sich auf.
„Arvá, es ist die Vorherbestimmung, wir können nichts daran ändern, so sehr wir uns auch sträuben.“
Sie schüttelte den Kopf und versuchte die Wut, die in ihr heiß wie Glut aufstieg, zu unterdrücken.
„Wieso wollt Ihr den König töten?“
Ihr Meister senkte kurz den Blick und zögerte, als sei er sich nicht sicher, ob er die Wahrheit sagen sollte.
„Vor einigen Jahren, bevor du meine Schülerin wurdest, hatte sich König Rélec in meine Tochter verliebt. Er hätte sie nicht geheiratet, das wusste er von Anfang an, doch hat er ihr die schönsten Träume in die Luft gemalt. Alles hat er ihr versprochen, aber er hat ihr nichts gegeben. Als sie dann seine Frau werden wollte...“
Tiefe Trauer war in den Augen ihres Meisters heraus zu lesen.
„Eines Morgens lag sie tot vor der Burg, sie war von der Mauer gefallen. Und sie war an der Stelle gestürzt, die zu seinem Turm führte.“
Arvá erstarrte und schüttelte langsam den Kopf. König Rélec war kein Mörder. Nein, ihr Meister log. Sie konnte ihm nicht mehr vertrauen.
„Arvá“, begann er und fasste ihr an die Schultern. „Ich will dich schützen. Unter seinen Gefolgsleuten ist bekannt, dass er Gefallen an dir findet. Ich will verhindern, dass dir das gleiche Schicksal widerfährt, wie meiner Tochter. Ich möchte nicht noch einmal eine geliebte Person verlieren.“
Arvá hörte nicht mehr auf seine Worte. Die Bilder aus der Vision flammten vor ihrem inneren Auge auf. Sie stand auf und rannte aus dem Zelt. Arvá konnte nicht mehr mit diesem Verräter in einem Raum sein.
Sie rannte auf die Wiese hinter den Feierlichkeiten. Der Wind trug die Musik zu ihr. Hohes Gras strich ihr um die Beine, die immer noch schmerzten.
Arvá wollte allein sein, ihre Gedanken ordnen und die Bilder der Vision aus ihrem Kopf verbannen. Sie war wahr, sie hatte die Zukunft gezeigt. Arvá wollte ihre Wut ausleben, ihre Waffe nehmen und gegen etwas schlagen, doch sie blieb äußerlich ruhig. In ihrem Innern tobten Verzweiflung, Trauer und Zorn, doch nach außen konnte man davon nicht einmal einen Hauch spüren.
Sie blieb stehen, in völliger Ruhe und sah hinauf zum Mond.
„Mein Meister ist ein Verräter“, sagte sie leise zu sich und heiße Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ein Mörder.“
„Arvá!“
Sie drehte sich um und ihr stockte der Atem. Durch die raschelnden Grashalme kam König Rélec auf sie zu. Arvá fühlte sich, als erstarre sie zu Eis, jedoch schlug ihr Herz wie in einem wilden Galopp gegen ihre Brust.
„Arvá ich habe dich schon gesucht.“ Er blieb vor ihr stehen und sah ihr in die Augen. Die Worte vertrieben jeglichen Unmut aus Arvá und erfüllten sie mit Aufregung und Freude. „Wurdest du verletzt?“
Sie konnte nur den Kopf schütteln, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
„Ich…“, begann Rélec und schaute zu Boden, dann hob er den Blick wieder, machte einen Schritt auf Arvá zu und nahm ihre Hände. Ihre feuchten Finger in seinen warmen Händen. Arvá glaubte ihr Herz würde stehen bleiben. Starr sah sie ihn an, unfähig sich zu rühren. Sein Gesicht näherte sich ihrem und sie küssten sich. Ein Schatten.
Arvá löste sich vom König und zog ihr Schwert.
„Nein!“ Sie stieß Rélec zu Boden und traf mit ihrem Schwert die Klinge des Messers, das durch die Luft wirbelte und bedrohlich aufblitzte, bevor es im Gras verschwand. Verwundert starrte sie ihr Meister an.
„Du kannst die Zukunft nicht ändern, Arvá“, zischte er und wollte nach seinem Messer greifen. „Du darfst es nicht.“
„Ich kann und ich werde!“ Sie ließ sich von ihrem Zorn leiten und rammte ihr Schwert in den Meister. Seine Augen verloren ihren Glanz, blieben aber ausdruckslos auf Arvá gerichtet. Schwerfällig sackte er vor ihr zusammen.
„Arvá du…“ Der König stand auf und war fassungslos. „Du hast ihn getötet.“
Arvá ließ ihr Schwert sinken.
„Du hast unehrenhaft getötet.“
„Er wollte Euch umbringen.“ Sie trat an Rélec heran. „Ich habe es in meiner Vision gesehen. Im Feuer.“
Das Gesicht des Königs wurde ernst. Er kniff die schmalen Lippen aufeinander und fragte: „Du hättest mich sterben lassen?“
Arvá schüttelte den Kopf und Tränen stiegen ihr in die Augen. Nur der Gedanke daran, dass Rélec tot sein könnte, verkrampfte ihr Innerstes. Was aber noch viel schlimmer war, war die Tatsache, das der König wegen ihr sein Leben verloren hätte. Denn nur wegen Arvá war er auf diese Wiese gekommen, wo ihn keiner seiner Leibwächter schützen konnte.
„Aber ich…“ Sie schluchzte heftig. Rélec kam näher und zog sie in seine Arme. Arvá legte ihren Kopf auf seine Schulter. Sein Gewand war aus Seide und die Schulter darunter stark. Der König roch nach erlesenen Ölen und Kräutern. Arvá schloss die Augen und genoss den Moment.
„Ich liebe dich, Arvá“, sagte Rélec leise und schloss seine Arme fester um ihren Körper. Sie lächelte sanft und eine heiße Glut schien sich in ihr zu verteilen. Ein feuriger Strom floss von ihrem Herzen in jede Faser ihres Körpers. „Aber ich kann keine Mörderin lieben.“
Langsam löste der König sich von Arvá. Traurigkeit lag in seinem Gesichtsausdruck.
Eine Brise strich über die hohen Gräser und brachte sie zum rauschen. Eine unsichtbare Last drückte Arvá auf die Schultern.
„Wachen!“, rief König Rélec ohne den Blick von ihr zu lösen. „Ich kann es einfach nicht, Arvá.“
Über die Wiese kamen bewaffnete Männer herbeigelaufen. Ihre Rüstungen schepperten laut im Takt, während sie durch die wogenden Halme zu ihnen rannten.
„Nehmt sie fest!“ Rélec setzte einen anderen Ausdruck auf, versuchte seiner Stimme Härte und Kälte zu verleihen, doch es gelang ihm nicht. Was er wirklich empfand, war deutlich zu spüren.
Eiserne Griffe umschlossen Arvás Arme und zerrten sie davon. Sie wehrte und wand sich.
„Warum?“, schrie sie und versuchte die Welle an Gefühlen zu unterdrücken, die sich in ihr aufbäumte, wie in einem tobenden Sturm. „Warum könnt Ihr…“
Sie trat um sich und verlangsamte die Wachen damit. „Warum kannst du das nicht?“
Rélecs hellbraune Augen glitzerten und er blinzelte kurz heftig, bevor er antwortete.
„Er hatte keine Waffe, Arvá, du hast einen Wehrlosen getötet.“
Die Männer schleppten sie weiter, ungeachtet dessen, was Arvá tat. Sie versuchte ihre Arme zu befreien und biss einem der Wachen in die Hand.
„Ich habe dein Leben gerettet!“, schrie sie verzweifelt. Rélec sagte nichts, blieb nur regungslos stehen und sah ihr nach.
Geschlagen ließ sie den Kopf hänge und erlaubte es, abgeführt zu werden. „Ich habe dich doch nur gerettet…“
Arvá hatte den König geliebt, aus tiefstem Inneren und ihn vor dem grausamen Tod bewahren wollen. Dafür hatte sie ihren Meister verraten. Sie hatte ihre Waffe gegen ihn erhoben, ihn getötet, die Ehre eines Meisters gegenüber seinem Schüler gebrochen. Nun würde sie für ihre Liebe büßen müssen. 

© Bianca Klose
2007
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