Mit Feder und Verstand
  Leseprobe Kriegerinnentöchter
 

Leseprobe zu Kriegerinnentöchter


Der Wind wehte leicht über die Ebene und brachte die Bäume zum Rauschen. Ahela meinte den salzigen Geschmack des Meeres in der Brise schmecken zu können, so greifbar schien das Meer.
Von dem Hügel aus, der von einem kleinen Wald bewachsen war und auf dem das Mädchen stand, konnte man weit über das flache Land sehen, das in ein tiefblaues Meer überging. Die Ebene war leer, eine weite, unendlich scheinende Wiese, auf der weder Bäume wuchsen, noch kleine Flüsse entlang rannen, noch ein winziges Dorf stand. Das einzige was zu erkennen war, war der Hafen, in den nun acht, oder neun, große Schiffe einliefen. Sie hatten alle gelbe Segel, die von Weiten gut zu sehen waren. Zwar waren es nur kleine gelbe Punkte, die Ahela am Horizont sah, doch sie war sich sicher, dass es die Schiffe waren, auf die sie schon so lange wartete.
Eine glühende Freude stieg in dem Mädchen auf und sie schloss für einen Moment die Augen. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor sie sich umwandte und so schnell ihre Beine sie trugen durch den kleinen Wald rannte. Sie eilte durch das Unterholz, bis sich die Bäume lichteten und sie einen Wall hinaufhasten musste. Im schnellen Lauf erreichte sie die hohen Stadtmauern von Waqa, und schnellte polternd über die Zugbrücke zum offen stehenden Tor. Die Wächterinnen warfen dem rennenden Mädchen nur verwunderte Blicke zu, doch dann war sie auch schon im Labyrinth der Straßen von Waqa verschwunden.
Ahela erreichte keuchend eine breite Straße, in der prachtvolle Häuser standen. Zwei Stockwerke hatten die meisten, doch sie waren im traditionellen Stil erbaut. Die Dächer waren sorgfältig mit Stroh gedeckt, das Haus aus Holz gefertigt und mit etlichen Verzierungen versehen. Das einzig neumodische waren die Fensterscheiben, die einige Reisende aus dem Osten mitgebracht hatten.
Ahela stürmte in einen Vorgarten, wo ein Mädchen, etwa ihren Alters, auf einem Holzpflock saß und ein Langschwert schliff. Die Waffe schimmerte in der Maisonne und das gleichmäßige Schleifen des Schleifsteins war in der gesamten Straße zu hören.
Es war Nachmittagszeit und die meisten Leute waren Zuhause, um ihren Tätigkeiten nach zu gehen. In den Straßen traf man zu dieser Zeit kaum jemanden, es war Ruhezeit.
„Ahela, was bringst du denn so einen Wirbel nach Waqa?“, fragte das Mädchen mit der Waffe scherzend und ließ diese mit einer geschmeidigen Bewegung in eine Lederscheide an ihrem Gürtel gleiten.
„Ich habe die Schiffe gesehen“, keuchte Ahela, angestrengt ihre Atmung zu verlangsamen.
„Nein, wirklich?“
„Wenn ich es doch sage.“
„Und du bist dir ganz sicher?“, hackte das Mädchen noch einmal nach. Ahela konnte aus ihrem Gesicht lesen, dass sie die Freude nur schwer unterdrücken konnte.
„Tarla“, tadelte Ahela sie und setzte sich ins Gras. „Habe ich mich je geirrt?“
„Einige nicht nennenswerte Male“, gab Tarla zurück, sprang dann aber freudig auf. „Ich mache mich dann mal auf, die frohe Nachricht zu verbreiten.“
Mit diesen Worten war das schwarzhaarige Mädchen auch schon aus dem Garten und lief die Straße im Laufschritt hinunter.
 
Es dauerte nicht lange, bis die Straßen von Waqa wieder dicht bevölkert waren. Die Menschen liefen aufgeregt hin und her und bereiteten ein Fest vor. Einige Mädchen saßen in den Vorgärten und knüpften aus Blumen, die sie Körbeweise von anderen Mädchen herbei getragen bekamen, bunte Ketten. Die Händler auf dem Marktplatz bauten ihre Stände ab und machten Platz für eine lange Tafel. Aus den Schornsteinen der Backstuben quoll dicker Rauch, der vermuten ließ, dass die Bäcker fleißig an der Arbeit waren. Wie alle in der Stadt.
Die Reisenden aus fernen Ländern kämpften sich verwundert durch das Getümmel der Straßen und fragten den ein oder anderen, was denn passiert sei. Doch sie erhielten nur selten eine Antwort, und wenn, dann eine flüchtige, die man im Lärm der Menschen kaum verstand.
Der Grund für das angehende Fest waren die Schiffe, die Ahela im Hafen von Aqel gesehen hatte. Auf ihnen waren die Kämpferinnen und Kriegerinnen von Waqa.
Lange Zeit waren die Frauen im Krieg im Land des Eises gewesen. Viel zu lange hatten ihre Männer und ihre Kinder nichts von ihnen gehört.
Doch nun kehrten sie zurück, und das musste gefeiert werden. Die Saäerinnen hatten also gesiegt.
 
Es war eine Geschichte, die Ahela schon hunderte Male gehört hatte. Sa, das Land in dem sie geboren war, und in dem sie lebte, war einmal versklavt gewesen. Armut hatte geherrscht, gegen Ende der Sklaverei, lebten nur noch wenige Menschen in Sa. Das Land des Eises hatte Sa ausgebeutet, obwohl es doch um so vieles größer war, als das Land des Eises.
Es war viele Jahrhunderte her, dass eine Frau von ihrem zerstörten Heimatdorf loszog und in jeder Stadt, in jeder Siedlung, an der sie vorbeikam, die Frauen und Kinder mitnahm, die sich ihr anschließen wollten. Sie wollte Sa wieder aufbauen.
Die Männer waren alle im Land des Eises und die Frauen hatten keine andere Wahl. Entweder sie schlossen sich der mutigen jungen Frau an, oder sie starben zwischen den Trümmern ihrer Heimat.
Unio, hieß die junge Anführerin, die schon bald eine Schar von Gefolgsleuten um sich hatte. Sie bauten eine Stadt im Herzen von Sa, Qeriq.
Unio wurde zur Königin, wie es die neuen Saäerinnen wollten. Und sie war diejenige, die Sa von Grund auf änderte. Frauen hatten nun die Macht. Die Männer nahmen die Rolle der Feldarbeit, des Handelns und des Kinderhütens ein, während die Frauen die Städte, die immer zahlreicher wurden, leiteten, Sa beherrschen und in den Krieg zogen, wenn das Land angegriffen wurde.
Und so war es bis zum heutigen Tage.
Ahelas Mutter war eine Kriegerin im Heer von Sa. Sie war eine der Tapfersten und Stärksten unter den Frauen, doch Ahela kannte ihre Mutter kaum. Sicher, die vielen Ruhmgeschichten ihrer Mutter hatte sie erzählt bekommen, konnte jede auswendig, aber damals war sie noch ein kleines Mädchen gewesen. Jeden Morgen war sie zum Hügel gerannt und hatte Ausschau nach den Schiffen gehalten. Doch nie war eines gekommen, auf dem ihre Mutter war.
Nun war sie vierzehn, hatte Kafra, ihre Mutter, seit mehr als vier Sommern nicht mehr gesehen und konnte sich nicht mal mehr an ihr Gesicht erinnern. Ahela hatte schon längst aufgegeben, zu hoffen, Kafra würde wiederkommen. Das Kriegerinnendasein bedeutete ihrer Mutter zu viel, als dass sie ihre Familie besuchen wollte.
Die Nachricht war von einer Eilbotin gebracht worden, die eines Mittags in Waqa auf dem Marktplatz gestanden und einen langen Brief der obersten Kommandantin des ostsaischen Heeres vorgelesen hatte. Wann genau die Kämpferinnen eintreffen sollten, darauf wusste die Botin auch keine Antwort.
So verharrte Waqa in der Zeit, in der sie auf die Kriegerinnen wartete. Ahela war von da an jeden Tag wieder zu ihrem Aussichtspunkt gegangen. In ihr brannte erneut die kindliche Vorfreude.

© Bianca Klose


Ein Auszug aus dem Roman "Kriegerinnentöchter" von Bianca Klose (2006)


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